Schwere russische Angriffe auf Kiew am Vortag von Nato-Gipfel
Einen Tag vor Beginn des Nato-Gipfels im türkischen Ankara hat Russland die ukrainische Hauptstadt Kiew mit hunderten Drohnen und Raketen angegriffen. Bei dem Angriff in der Nacht zum Montag wurden nach Behördenangaben mindestens 14 Menschen getötet und dutzende weitere verletzt. Der ukrainische Präsident Wolodymyr Selenskyj forderte die Nato auf, bei ihrem Gipfel "starke Entscheidungen" zur Unterstützung seines Landes zu treffen. US-Präsident Donald Trump will in Ankara mit Selenskyj zusammentreffen.
Nach Selenskyjs Angaben griff die russische Armee die Region Kiew mit 68 Raketen und 351 Drohnen an. Etwa 60 Menschen wurden demnach verletzt. Journalisten der Nachrichtenagentur AFP hörten zahlreiche Explosionen. Laut Kiews Bürgermeister Vitali Klitschko war die Luftabwehr im Einsatz. Etwa 30 Wohngebäude wurden nach Behördenangaben getroffen, bei einem mehrstöckigen Wohnhaus wurden die oberen Etagen weggerissen.
Nach den Worten von Militärverwaltungschef Tymur Tkatschenko gerieten mindestens vier Wohngebäude in Brand. Noch Stunden nach dem Angriff suchten Einsatzkräfte in den Trümmern nach möglichen Verschütteten.
Im Kiewer Vorort Wyschnewe wurden Bewohner wegen möglicherweise nicht detonierter Munition in Sicherheit gebracht. Im Kiewer Bezirk Podilsky berichtete ein Anwohner, gegen 01.30 Uhr Ortszeit habe es einen "mächtigen" Angriff in mehreren Wellen gegeben. Sämtliche Fensterscheiben eines Hauses seien durch die Wucht der Detonation zersplittert und herausgefallen.
Das russische Verteidigungsministerium erklärte, die Armee habe einen "schweren Angriff" mit Raketen und Drohnen ausgeführt. Ziel seien "militärindustrielle Unternehmen" sowie Energie- und Kraftstoffanlagen in mehreren Regionen der Ukraine gewesen. Es handelte sich bereits um den zweiten schweren Angriff auf Kiew binnen wenigen Tagen. Erst am Donnerstag waren mehr als 30 Menschen bei einem Angriff auf die ukrainische Hauptstadt getötet worden.
Nach Angaben Selenskyjs fing die ukrainische Armee mehrere russische Drohnen und Marschflugkörper ab. Die Streitkräfte hätten allerdings nur einen "unzureichenden Vorrat an Abfangraketen", um ballistische Raketen zu zerstören.
Vor dem am Dienstag beginnenden Nato-Gipfel rief Selenskyj die Verbündeten auf, in Ankara "starke Entscheidungen" zur Unterstützung seines Landes zu treffen. "Allen voran" die USA und die Europäer sollten bei dem Gipfel Beschlüsse zur weiteren Unterstützung der ukrainischen Luftverteidigung fassen, forderte er. EU-Kommissionspräsidentin Ursula von der Leyen erklärte im Onlinedienst X, die Ukraine brauche "dringend mehr Luftverteidigung". Zudem müsse der Druck auf Moskau steigen, "bis Russland das Blutbad beendet".
Der Nato-Gipfel findet am Dienstag und Mittwoch in Ankara statt. Erwartet werden die Staats- und Regierungschefs der 32 Nato-Staaten, darunter US-Präsident Donald Trump und Bundeskanzler Friedrich Merz (CDU). Eines der wichtigsten Themen ist die Unterstützung der Ukraine.
Eine Sprecherin des Weißen Hauses kündigte für Mittwoch ein Treffen zwischen Trump und Selenskyj am Rande des Gipfels an. Dabei soll es nach Angaben eines ranghohen US-Regierungsvertreters um Möglichkeiten zur Beendigung des Kriegs in der Ukraine gehen. Im Anschluss werde sich Trump mit dem russischen Präsidenten Wladimir Putin austauschen. Trump hatte am Samstag sowohl mit Putin als auch mit Selenskyj telefoniert.
Die von den USA vermittelten Gespräche zur Beendigung des Ukraine-Kriegs sind durch den Iran-Krieg in den Hintergrund geraten. Trump und Selenskyj waren zuletzt im Juni beim G7-Gipfel in Frankreich zusammengetroffen. Dort hatten sich die G7-Staats- und Regierungschefs auf verstärkten Druck auf Russland verständigt.
Russland überzieht die Ukraine seit fast viereinhalb Jahren mit Raketen- und Drohnenangriffen. Zuletzt hatte die ukrainische Armee ihre Gegenangriffe auf Russland verstärkt und dabei Raffinerien und Öllager ins Visier genommen, was zu Treibstoffengpässen im Land führte.
Die russische Armee erklärte, sie habe in der Nacht zu Montag mehr als 500 ukrainische Drohnen in rund 20 Regionen des Landes abgefangen. Moskaus Bürgermeister Sergej Sobjanin sprach gegenüber dem Sender Max von mehreren abgefangenen Drohnenwellen, die auf die russische Hauptstadt zusteuerten.
Auf der von Russland annektierten Halbinsel Krim wurde nach Behördenangaben eine Frau bei einem ukrainischen Drohnenangriff getötet. Zwei weitere Menschen seien verletzt worden. In der Stadt Sewastopol fiel vorübergehend der Strom aus.
F.dAangelo--INP