Gewalt in Mexiko nach Tötung von Drogenboss: Insgesamt 10.000 Soldaten im Einsatz
Nach der vom mächtigsten Drogenkartell Mexikos losgetretenen Gewaltwelle infolge der Tötung des berüchtigten Drogenbosses Nemesio "El Mencho" Oseguera Cervantes hat die mexikanische Regierung insgesamt 10.000 Soldaten entsandt. Bei dem Einsatz gegen "El Mencho" und den darauffolgenden Ausschreitungen wurden mindestens 27 Angehörige der mexikanischen Sicherheitskräfte und 46 mutmaßliche Bandenmitglieder getötet, wie die mexikanischen Behörden am Montag (Ortszeit) mitteilten. In 20 der 32 Bundesstaaten kam es zu Ausschreitungen, massiv betroffen war auch die Millionenstadt Guadalajara, Austragungsort der Fußball-WM.
Die mexikanische Armee hatte am Sonntag die Tötung des Anführers des mächtigen Drogenkartells Jalisco Nueva Generación bekannt gegeben. "El Mencho", der in Mexiko und im Nachbarland USA auf den Fahndungslisten stand, sei bei einem Einsatz in Tapalpa im westlichen Bundesstaat Jalisco verletzt worden und auf dem Flug in die Hauptstadt Mexiko-Stadt gestorben, erklärte die Armee. Die USA hatten eine Belohnung von 15 Millionen Dollar (12,7 Millionen Euro) für Hinweise zu seiner Ergreifung ausgesetzt.
Nach dem Einsatz hatten mutmaßliche Bandenmitglieder etliche Straßen mit brennenden Autos und Lastwagen blockiert. Die Bevölkerung in Jaliscos Hauptstadt Guadalajara wurde dazu aufgerufen, sich in Sicherheit zu bringen. Die Straßen waren nahezu leer, viele Geschäfte, Apotheken und Tankstellen blieben am Montag geschlossen. Größere Veranstaltungen wie Fußballspiele wurden abgesagt, Touristen verschanzten sich in Hotels und Ferienanlagen.
In Jalisco kam es inmitten der gewaltsamen Ausschreitungen außerdem zu einem Gefängnisausbruch. Mindestens 23 Häftlingen sei die Flucht gelungen, als ihre Haftanstalt in einem Kugelhagel von "kriminellen Gruppen" angegriffen worden sei, teilte der Sicherheitssekretär des Bundesstaates mit.
Die Sprecherin des Weißen Hauses, Karoline Leavitt, erklärte im Onlinedienst X, die US-Regierung habe den Einsatz, bei dem "El Mencho" "eliminiert" worden sei, mit Geheimdienstinformationen unterstützt. Mexikos Präsidentin Claudia Sheinbaum betonte am Montag, US-Soldaten seien nicht an dem Einsatz beteiligt gewesen. Es habe lediglich ein "reger Informationsaustausch" zwischen Mexiko und den USA stattgefunden. Mittlerweile sei es "friedlich" und "ruhig" im Land, fügte Sheinbaum hinzu.
Bei der Ergreifung von "El Mencho" spielte dem mexikanischen Verteidigungsminister Ricardo Trevilla zufolge eine Freundin des Drogenbosses eine entscheidende Rolle. Der mexikanische Geheimdienst habe von einem Treffen zwischen der Frau und "El Mencho" erfahren und diese Informationen genutzt, um ihn zu einer Ranch in Jalisco zu verfolgen, erklärte Trevilla.
In Guadalajara finden in diesem Sommer mehrere Spiele der Fußball-Weltmeisterschaft der Männer statt. Der Weltfußballverband Fifa werde zum jetzigen Zeitpunkt jedoch keinen Kommentar zur Lage in Mexiko abgeben, erklärte eine Fifa-Sprecherin auf Anfrage der Nachrichtenagentur AFP. Die deutsche Nationalmannschaft absolviert sämtliche Vorrundenspiele in den USA.
Das Auswärtige Amt und die deutsche Botschaft in Mexiko riefen Deutsche in Mexiko dazu auf, sichere Orte wie Hotels möglichst nicht zu verlassen und Menschenansammlungen und Orte, an denen Polizeieinsätze stattfinden, zu meiden. Wer in eine Straßensperre gerate, solle sich nicht widersetzen oder flüchten. Schon zuvor hatte das Auswärtige Amt von Reisen in Teile mehrerer mexikanischer Bundesstaaten abgeraten.
Mehrere Fluggesellschaften aus den USA und Kanada sagten Flüge in mexikanische Städte ab. Maschinen, die bereits auf dem Weg nach Mexiko waren, mussten auf halber Strecke umkehren. Auch Mexikos südlich angrenzendes Nachbarland Guatemala verstärkte die Sicherheitsvorkehrungen an der Grenze.
Das 2009 von "El Mencho" gegründete Kartell Jalisco Nueva Generación gilt als besonders gewalttätig und ist eines der mexikanischen Drogenkartelle, die US-Präsident Donald Trump als terroristische Organisation eingestuft hat. Die US-Behörden legen dem Kartell zur Last, Kokain, Heroin, Methamphetamin und Fentanyl aus Mexiko über die Grenze in die USA zu schmuggeln. Die Trump-Regierung hat Drogenbanden unter anderem aus Mexiko den "Krieg" erklärt. Im Januar drohte der US-Präsident, auf mexikanischem Staatsgebiet gegen Drogenkartelle vorzugehen.
Die Tötung von "El Mencho" ist der bedeutendste Schlag gegen die mexikanischen Drogenkartelle seit der Festnahme der Drogenbosse Joaquín "El Chapo" Guzman und Ismael "El Mayo" Zambada, die in den USA in Haft sitzen. Das Kartell des 59-Jährigen war nach der Auslieferung von "El Chapo" und "El Mayo" an die USA zum mächtigsten seines Landes aufgestiegen. "El Mencho" forderte den Staat offen heraus. So verletzte sein Kartell bei einem Angriff im Juni 2020 den damaligen Polizeichef von Mexiko-Stadt und heutigen Sicherheitsminister Omar García Harfuch.
G.Palmiero--INP